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Japan Teil 2: Ibaraki

Ibaraki

Ibaraki

Bericht von einer dreiwöchigen Reise zur Fußball-WM im Mai/Juni 2002

Verwirrende Landkarten

Der Marsch zum Pazifik

Der Marsch zum Pazifik

Nach zwei Tagen wurde es mal wieder Zeit zum Umziehen. Die Beschreibungen für die Orte waren schon eigenartig. In Japan sind sie nicht nach Städten sondern nach Präfekturen benannt. Es ist vergleichbar, wenn in Deutschland ein Spiel in Hannover stattfinden würde und man dann sagt: es steigt in Niedersachsen. So war es im Vorfeld nicht immer ganz einfach, den genauen Standort der Stadien zu finden und dementsprechend sein Hotel auszusuchen.
Besonders schwierig war es mit Ibaraki. Hier kam noch hinzu, dass die Gegend zunächst auf der offiziellen FIFA Worldcup-Seite an einer ganz anderen Stelle auf der Japan-Karte verzeichnet wurde.

Pazifikküste

Pazifikküste

Es sollte im Osaka-Kobe-Kreis liegen. Blind vertraute ich dieser Angabe und buchte in Kobe mein Hotel. Erst später korrigierten sie die Karte und ich musste mein Hotel wechseln.
Einfacher wurde es dadurch nicht. Das Stadion liegt in Kashima. Dort gibt es aber so gut wie gar nichts, auch kein Hotel. Das Naheliegendste konnte ich in Kamisu entdecken. Nur dorthin fuhr kein Zug. Aber ich entdeckte im Vorfeld einen Expressbus, der von Tokyo kommend direkt vor dem Hotel halten sollte.
Alternativ hätte ich auch einen Zug nehmen können mit 5maligem Umsteigen und anschließender Taxifahrt. Der Bus schien mir bequemer zu sein. Also fuhr ich erst mal wieder nach Tokyo und kaufte mir ein Ticket.

Vor dem Stadion in Ibaraki

Vor dem Stadion in Ibaraki

Plötzlich wurde ich auf deutsch angesprochen - von einem Mann aus Guatemala! Ich konnte schon fast kein deutsch mehr. Ihm fehlten irgendwann auch die Worte, so dass wir auf englisch weiterplauderten. Er suchte noch ein Hotel und fuhr mit einem anderen Bus weiter. Nach 90 Minuten kam ich tatsächlich am Hotel an.
Dieses Aton Palace Hotel wirkte wie der reinste Luxuspalast: es gab zwei Hotelkanäle am Fernseher: einer mit CNN und der andere auf den Sport-Pay-TV-Kanal geschaltet.
Aber vorher fuhr ich mal in die Stadt Kashima rein.
Dafür gab es vom Hotel einen kostenlosen Shuttle-Bus. Was für ein Service! Das war aber auch bitter nötig, denn rings herum war tote Hose. Hier hätte man nicht mal ein Taxi bekommen.

Gruppenbild mit Japaner

Gruppenbild mit Japaner

Hoffte ich noch, in Kashima erst mal etwas essen zu können oder mit zahlreichen deutschen und irischen Fans zu feiern, musste ich mich eines Besseren belehren lassen. Es gab zwar mehr Wohnhäuser, aber umso weniger Infrastruktur (noch weniger als in Kamisu - unglaublich!). Nichtsdestotrotz oder gerade deshalb war die Gegend natürlich sehr reizvoll, aber zu dem Zeitpunkt füllte das nicht meinen Magen. Der nächste Bus zum Hotel fuhr erst eine Stunde später.
Notgedrungen spazierte ich dann einfach mal zum Stadion. Nette kleine Häuschen schmückten den Weg.
Und ab und zu begegnete ich auch vereinzelten Fußballfans. Es waren zwar keine Deutschen, aber dafür Iren und Mexikaner. Das Stadion wirkte von außen - wie alle - gigantisch.

Ein Ire

Ein Ire

Vor dem Gelände übten Polizisten schon einmal, wie sie mit dem Verkehr klarkommen. Ansonsten beherrschte die glühende Sonne die Einsamkeit der Szenerie.
In der Nähe meines Hotels gab es wenigstens einen KFC (es dauerte ein wenig, bis mir wieder einfiel, dass das die Abkürzung für Kentucky Fried Chicken ist). Preislich war es schon ein Hammer, was man in Japan zahlen muss. Für manches (Minimal-)Frühstück musste ich 10 Euro hinblättern, ein Mittagessen war an manchen Stellen nicht unter 12 Euro drin. Aber wenn man etwas darauf achtet und nicht so viel Wert auf Luxus legt, dann kann man sich auch günstige Sachen zusammensuchen.
Gefrühstückt habe ich beispielsweise nach den ersten Tagen nicht mehr in irgendwelchen Cafes, sondern habe mir am Vortag Croissants und Eiskaffe oder Tee aus Supermärkten besorgt und dann im Hotel vertilgt. Auf die Art konnte ich über 50% sparen.

Der 26 km-Spaziergang

Schreiwettbewerb

Schreiwettbewerb

Im Hotel verfolgte ich die Spiele China-Costa Rica, Japan-Belgien und Südkorea-Polen.
Am nächsten Tag wollte ich eigentlich nach Mito und mir weitere Gebiete von Ibaraki ansehen.
Da der öffentliche Nahverkehr in dieser Gegend aber relativ ärmlich bestückt ist, hätte ich es nicht mehr rechtzeitig zum Deutschlandspiel gegen Irland geschafft. Also plante ich um. Auf einer Karte sah ich, dass der Pazifik nicht weit sein kann. Ich hatte 6-7 Stunden Zeit, um zu Fuß dort hinzugehen und pünktlich zurückzukehren. Es sollte ein 26 km-Marsch werden, der ganz schön an die Substanz ging. Die Sonne verpasste mir dann auch einen schönen Sonnenbrand, weil es mangels hohen Häusern und Bäumen keinen Schatten gab. Auf dem Weg zum Meer sollte eine größere Stadt kommen.

Fan aus Bangladesh

Fan aus Bangladesh

Die wirkte eher wie ein deutsches Neubaugebiet: viele kleine Häuser mit wenigen Geschäften, aber viel Industrie. Um einen See wurde ein Sportgebiet angelegt: Laufstrecken und ein putziger Golfplatz, der etwa die Größe eines halben Minigolfplatzes hatte.
Ein längeres Stück musste ich an einer Hauptverkehrsstraße lang spazieren. Ab und zu kamen mal Autos, Fußgänger sah man weit und breit kaum.
Nach über 3 Stunden erreichte ich endlich den Ozean. Leider war er mit großen Steinplatten etwas verdeckt (Schutz vor Sturmfluten?). Meine Füße hatten schon Blasen angesetzt, ich schwitzte wie Sau, hatte tierisch Hunger (natürlich gab es hier weit und breit kein Restaurant oder Imbiss) und war relativ kaputt.

Unter der deutschen Flagge

Unter der deutschen Flagge

Aber es wehte ein leichter Wind und fühlte mich richtig wie im Urlaub: das baute mich auf und so machte ich mich frohen Mutes auf den Rückweg. Glücklicherweise hängt an jeder noch so abgelegensten Ecke mindestens ein Getränkeautomat, so dass mir das Verdursten erspart blieb. Die erste Zeit wählte ich immer Eistee, der aber doch reichlich merkwürdig schmeckt.
Wenn man nicht gerade das Glück hat, weltbekannte Marken wie Coca Cola oder Pepsi vorzufinden (kam überraschenderweise sehr selten vor), muss man schon erraten, was in den Dosen zu finden ist. Die Beschriftung ist japanisch und nicht immer kann man anhand der Zeichnung (z.B. eine Orange) den Inhalt erkennen.

Der Meenzer mit Japanerin

Der Meenzer mit Japanerin

Statt Mineralwasser erwischte ich dadurch mal einen Citro-Energiedrink (der aber durchaus erfrischte). Gegen Ende der Strecke versuchte ich dann erstmals einen Eiskaffe. Und dieser Genuss war einer der Highlights der Reise, zumal ich gerade einen langen Marsch hinter mir hatte. Man kann gar nicht in Worte fassen, wie lecker der war. Fortan trank ich fast nur noch Eiskaffe.
Im Hotel sah ich noch rasch Russland gegen Tunesien, bevor mich der Shuttle-Bus abholte. Es war einer der lustigsten Fahrten, denn beim nächsten Hotel stiegen rund 40 Iren hinzu, die während der Fahrt irische Lieder sangen.
Angeheizt wurden sie aber von einem kultigen Fortuna Düsseldorf-Fan, der ganz vorne im Bus mit eine handvoll weiterer Deutschen stand und reichlich angetrunken erklärte, wie toll denn die Iren seinen, aber die Deutschen auch tolle Lieder hätten.

Ein Deutschland-Fan

Ein Deutschland-Fan

Er stimmte 'An der Nordseeküste' an, was die Iren dann mit der irischen Fassung stimmgewaltig fortsetzten. Neben mir saß ebenfalls ein irischer Landsmann, der mir erzählte, wie sehr Irland Deutschland den Daumen im Spiel gegen England beim 1:5 in München gehalten habe. Wieder mal war ich recht erstaunt, dass jemand mein Englisch verstand. Trat ich im ersten deutschen Spiel noch mit 1990-Klinsmann-Nostalgie-Shirt und Deutschland-Schal auf, wählte ich diesmal wohlbedacht das Weltcupsiegerbesieger-Trikot vom FC St.Pauli. Schließlich hat der Verein eine Fanfreundschaft mit Celtic Glasgow.
Und prompt wurde ich dann auch am Bahnhof von Iren angesprochen, die sich unbedingt mit mir fotografieren lassen wollten. Und auch im Stadion ging es so weiter.

Jubel beim Einlauf

Jubel beim Einlauf

Auch von deutschen Fans wurde ich häufig mit 'Pauli'-Rufen begrüßt und ein Deutscher meinte nach einem Foto: 'Alleine für dieses Bild lohnte es sich, nach Japan zu reisen'.
Bayern-Fans waren zunächst auch begeistert vom Shirt, ehe sich einer von ihnen erinnerte: 'ach nee, das war doch eine Blamage für uns....'
Vom Bahnhof ging es dann erst mal in weiteren Bussen zum Stadion - alles fein geordnet, aber ohne Fantrennung (was ja auch überhaupt nicht nötig war).
Vor dem Stadion ging es dann mit Gesängen aus beiden Lagern, gemeinsamen Fotos und Folksongs von Künstlern, die auf einigen Bühnen standen weiter. Die Stimmung war einfach grandios und total friedlich. Im Stadion lernte ich dann auch einen VfB Stuttgart-Fan kennen, mit dem ich über die recht schlechten deutschen Stadion diskutierte.

Nationalhymnen

Nationalhymnen

Dann gab es da noch den Fan von Kickers Offenbach, der sich bei mir bedankte, weil er vor einigen Jahren so freundlich von den Pauli-Fans aufgenommen wurde.
Vor allem fand er es klasse, dass das gegnerische Fanlied erklang. Auch der Mainzer war wieder da.

Jubel bei den Iren

Jubel bei den Iren

Das Spiel endete für die deutschen Fans etwas enttäuschend, weil in der letzten Minute der 1:1-Ausgleich fiel. Damit war der vorzeitige Einzug ins Achtelfinale verfehlt worden. Die Iren feierten aber umso mehr.
Im Hotel schwelgte ich noch in der TV-Aufzeichnung vom Sieg der US-Boys gegen Portugal (da ich ja meistens für die Außenseiter bin).

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