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Japan Teil 4: Harajuku

Einkaufsmeile in Harajuku

Einkaufsmeile in Harajuku

Bericht von einer dreiwöchigen Reise zur Fußball-WM im Mai/Juni 2002

Fernseher-Suche in Tokyo

Typische Landschaft

Typische Landschaft

In Harajuku suchte ich zunächst mal das Global Sports Cafe. Ich war überrascht: jede Menge junger Frauen gingen gleich in Scharen hinein. Ich habe ja schon viele weibliche Fußball-Fans in Japan gesehen, aber solch eine Begeisterung? Als ich dann auch die Bar betreten wollte, bedauerte ein netter Japaner am Eingang, dass heute 'geschlossene Gesellschaft' sei und kein Fußball gezeigt würde. Aber in diesem Stadtteil sollte ja noch ein anderer Ort mit Fernseher sein: ein Pizza Restaurant. Gut, dass ich ohnehin gerade etwas essen wollte. Ich wühlte mich im wahrsten Sinne des Ortes durch die Gassen. Harajuku ist anscheinend das Einkaufsmekka von Tokyo. Ein Kaufhaus steht neben dem anderen und dicht gedrängt schieben sich fast ausnahmslos Frauen von einem Geschäft zum nächsten. Das Ergebnis war frustrierend: auch in diesem Restaurant gab es keine Übertragung. Wieder eine Ente. Ich gab auf und ging zum Bahnhof zurück. Doch auf dem Weg lächelte mich ein Sportgeschäft an.

Mexikaner

Mexikaner

Hier hing tatsächlich ein Fernseher an der Wand, der das Spiel übertrug. Ich wollte mich zunächst im Geschäft aufstellen, doch es war so voll, dass ich nur jedem im Weg stand. Also verfolgte ich das Spiel von draußen, da man das Gerät auch durch den Eingang sehen konnte. Den Ton konnte man zwar nicht hören, aber japanisch konnte ich ohnehin noch nicht so gut verstehen. Ab und zu blieben andere Leute stehen, um sich über de Spielstand zu informieren. Irgendwann kam auch ein russisches Kamerateam, das einen Bericht über die Probleme eines russischen Fans in Tokyo drehte.
Fast interessanter als das Spiel (das Südafrika gewann) war das Beobachten der Japaner. Das war die reinste Modenschau. Etliche Leute waren völlig verrückt gekleidet, ob als Spinnenfrau oder als Barbie-Puppe - peinlicher und verrückter ging es kaum. Die Japaner lieben den Trash - das merkte man hier sehr deutlich. Aber wem es gefällt... Ich fand es kultig.

Fiesta in Sendai

Sendai

Sendai

Anschließend fuhr ich in mein Hotel und sah dort Italien gegen Kroatien und Brasilien gegen China.
Es war am Abend noch so warm (etwa 22 Grad), dass ich danach auf den Platz vor den Bahnhof ging, um dort noch etwas die Umgebung zu genießen. Jemand spielte Gitarre, 4 Leute saßen ebenfalls auf den Bänken, hörten zu oder unterhielten sich. Ab und zu kam mal jemand aus dem Bahnhof, aber ansonsten war nicht viel los. Ich saß noch eine Stunde dort, bevor ich dann in mein Hotel zurückkehrte.
Am folgenden Tag fuhr ich nach Sendai in der Präfektur Miyagi (ca. 200 km nördlich). Es war erst 10:30, aber trotzdem herrschte am dortigen Bahnhof Ausnahmezustand. Die Mexikaner belagerten alle Rolltreppen und Ausgänge. Ausgiebig sangen sie mexikanische Lieder und schwenkten ihre Fahnen. Hunderte 'Zuschauer' und Fernsehteams stand ringsherum und waren von diesen einmaligen Fans fasziniert. Ich war es ebenfalls.

Irgendwann kamen dann auch Leute aus Ecuador, die z.T. ebenso verrückt verkleidet waren wie die Mexikaner. Und sie hatten das beste Fanlied aller beteiligten Mannschaften. Zwischendurch riefen sich die beiden amerikanischen Fangruppe gegenseitig Sprüche (in spanisch natürlich) zu. Das wurde aber immer humorvoll entgegengenommen. Waren bei den ersten Spielen immer zahlreiche Polizisten in der Nähe, hatte man inzwischen eingesehen, dass es während der gesamten WM nicht die Spur von Gewalt gibt. Ich sah nur noch vereinzelte Ordnungshüter.
Ich wäre noch gerne am Bahnhof geblieben, aber ich wollte ja auch noch etwas von der Stadt sehen. Also wanderte ich ein wenig durch die Straßen bis ich zu einem schönen Park kam. Nach einem kleinen Drink (Eiskaffe) eilte ich zu den kultigen Mexikanern zurück. Zwischendurch nahm ich in einer Einkaufspassage noch einen Snack.

Park in Miyagi

Park in Miyagi

Mit der Bahn ging es in 30 Minuten zu einem Bahnhof in der Nähe des Stadions. Ich hatte einen guten Wagen erwischt. Denn hier war ich Zeuge einer irren Vorführung einer handvoll Mexikaner. Drei von ihnen boten erstaunlich gute Gesangseinlagen im klassischen Stil (einer von ihnen muss wohl Opernsänger gewesen sein), während ein Anderer (im Kimono gekleidet und wohl leicht angetrunken) lustige Tanzeinlagen bot und die verblüfften Japaner zum Mitsingen einlud und Geschenke verteilte.
Diese Zugfahrt war einer der absoluten Highlights meiner Reise. Die gute Stimmung sollte am Zielbahnhof aber nicht enden. Die Fans wurde in Bussen umgeschichtet. Die Wartezeit verkürzte ein sehr traditionell und sparsam gekleideter Azteke, der neben seinem Gesang, seinen Gesten und seinen Gefolgsleuten (die wahrscheinlich auch sein Ticket trugen) dadurch auffiel, dass er besonders häufig nach Fotowünschen befragt wurde.

Hier klappte die Organisation mal wieder gut. In Schlangenlinien stand man zwar zunächst einige Minuten an, aber Busse waren ausreichend vorhanden. Auch hier wollten uns japanische Ordner irgendetwas durch ihre Megaphone sagen - vermutlich, wo wir langgehen müssen. Dabei war der Weg durch Bänder markiert und man konnte gar keinen anderen Weg nehmen - durchaus putzig.
Mich haben die Mexikaner derart begeistert, dass ich meine Sympathie für das kommende Spiel änderte. Vor der WM hatte ich das Match ausgewählt, um Ecuador zu unterstützen. Aber auch aufgrund des sagenhaften Sieges von Mexiko gegen Kroatien hoffte ich nun doch auf einen Sieg der Mittelamerikaner.
Im Stadion saß ich dann auch in der Nähe von einigen (zumeist älteren) Mexikanern. Sie fragten ständig die Zuschauer, die hinter ihnen saßen, ob sie etwas sehen können, weil sie ab und zu ihre Fähnchen schwangen. So viel Rücksicht würde ich mir auch von anderen Fans wünschen.

Fans aus Ecuador

Fans aus Ecuador

Es war mal wieder eine Bullenhitze. Aber vor dem Spiel störte eher der extreme Wind, der manchem Fan sein Cappy vom Kopf fegte. Auch die idoligen Verkleidungen der Ecuadorianer und Mexikaner mussten darunter leiden. Meine Cola musste ich krampfhaft festhalten, damit mein Nachbar nicht aus Versehen etwas abbekam. Pünktlich zum Spiel hörte der Sturm aber auf. Mexiko gewann das Spiel.
Ursprünglich plante ich, an diesem Tag zwei Spiele live zu sehen. Am Abend spielte nämlich Japan gegen Russland in Yokohama. Rein fahrzeitmäßig hätte es geklappt, aber leider waren ja alle Japanspiele 20fach ausverkauft (wie es vorher in der Presse hieß).
Andererseits war es auch gut so, denn am Bahnhof von Sendai hörte die gute Organisation die Japaner aus. Sonderbusse gab es immer sehr viele, aber Sonderzüge nur an ganz wenigen Orten. Dummerweise hatte ich auch diesmal wieder nicht vorbestellt.

Und so drängten sich zig-tausend Fans auf dem Bahnsteig, um den Shinkansen Richtung Tokyo zu nehmen. Es gab um die Uhrzeit nur einen, der nonstop nach Omiya durchfuhr (knapp 90 Minuten). Den wollte ich nehmen, um das Japan-Spiel im Hotel sehen zu können. Brav stellten sich zunächst alle in den kilometerlangen Schlangen an. Ich ahnte schon, dass ich kaum eine Chance haben würde. Als der Zug kam, brach dann doch die internationale Panik aus. Es war nichts mehr mit der japanischen Gelassenheit. Alles eilte auf die Türen zu. Es wurde gedrängelt, geschoben, gepresst.... Die Beamten mahnten zwar immer zur Ruhe, hatten aber zunächst keine Chance. Dann warfen sie sich doch dazwischen und pressten einige Leute noch in die kleinste Lücke (wie man es von den U-Bahnen kennt). Ich hatte es knapp verfehlt. Aber eigentlich war ich froh. Denn ich stellte mir dann vor, wie die ganzen Menschen über eine Stunde bei dem schwülen Wetter fast ohne Luft zusammengedrängt in der Bahn die Fahrt erleben mussten. Kaum 10 Minuten später kam der nächste Zug. Da war dann etwas mehr Platz.

Mexikaner im Zug

Mexikaner im Zug

Da diese Bahn länger brauchte, weil sie öfters hielt, verpasste ich die ersten 10 Minuten vom Spiel. Und obwohl Japan spielte, gab es keine Möglichkeit, mit den Gastgebern zusammen gemeinsam den Sieg zu feiern. Im Hotel hörte man nur ab und zu mal Freudenausbrüche (im japanischen Rahmen allerdings) aus den Nachbarzimmern.
Abends sah ich dann noch die Aufzeichnung von Costa Rica gegen die Türkei. Was die TV-Sendungen betraf, konnte man sich nicht beklagen. Abends übertrugen immer gleich mehrere Sender alles sehr ausführlich. Und immer saßen rund 4 Leute an einem Tisch, staunten mit einem 'Häääh' und stimmten den anderen mit 'Hei' zu (etwa 50 mal pro Minute). Bei den Moderatoren konnte man jedenfalls echte Begeisterung spüren. Ansonsten lief eigentlich nicht viel anderes. In den japanischen Hotels musste man sich eh mit rund 5 Programmen begnügen (in Korea waren es etwa 50, darunter auch ein Kanal, in dem 'Go'-Spiele (ein Brettspiel) live übertragen wurden).

Azteke

Azteke

Nun hieß es Abschied nehmen vom Großraum Tokyo. Das nächste Live-Spiel fand in Shizuoka statt. Das Stadion befindet sich aber nicht in der Stadt (wäre ja auch sonst zu einfach zu finden), sondern 50 km weiter südlich. Mein Hotel lag weitere 50 km südlich in der Stadt Hamamatsu. Auch diese Strecke legte ich wieder mit dem Shinkansen zurück (diesmal hatte ich genügend Platz). Auf dem Weg konnte ich einen tollen Blick zum Fuji-san, dem größten Berg Japans, erhaschen. Auf dem Gipfel liegt Schnee, während ich im Zug meinen Eiskaffe genoss.
Am Bahnhof von Hamamatsu wurden die FIFA-Schiedsrichter mit einem großen Pappschild für die Deutschlandpartie gegen Kamerun begrüßt (sie waren im selben Zug).
Ich wartete kurz, wer denn das Spiel leiten würde. Und dann sah ich ihn: den wohl kultigsten Schiri der Welt: Collina aus Italien (ganz leicht an der Glatze zu erkennen). Er guckte aber gar nicht so böse (das irritierte mich ein wenig). Später stellte sich heraus, dass er aber nur Ersatz-Schiedsrichter dabei war.

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