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Südkorea Teil 3: Cheju

Seogwipo

Seogwipo

Bericht von einer dreiwöchigen Reise zur Fußball-WM im Mai/Juni 2002

Auf die Insel

Hafen auf Cheju

Hafen auf Cheju

Nun freute ich mich auf die südliche Insel Cheju. Mit der U-Bahn fuhr ich zunächst eine Stunde zum Inland-Flughafen Gimpo. Auch der Flug dauerte nur eine Stunde. Den Bus fand ich sofort, meine Haltestelle (die in der Nähe meines Hotels sein soll) dagegen nicht. Er fuhr kaum los, musste ich auch schon wieder raus (diesmal war mein Plan völlig überdimensioniert). Diese paar Meter hätte ich auch zu Fuß gehen können. Egal, das Hotel war das preisgünstigste meiner Reise. Es hatte ja auch kein Bett. Hier schlief man traditionell auf dem geheizten Fußboden. Zwischendurch kam auch mal das Putzpersonal hinein, weil sie ihre Materialien in meinem Schrank verstauten. Abschließen konnte man nicht. Das Schloss war wohl defekt. Da es aber in Korea ohnehin keine Diebstähle gibt, verzichtete ich darauf, das Hotelpersonal darauf hinzuweisen.

Wasserfall

Wasserfall

Mit einem Bus fuhr ich über die Insel Richtung Süden. Es war sehr grün. In der Mitte ragt ein Berg hervor. Landschaftlich erinnerte aber auch hier viel an Mitteleuropa. In der Nähe von Seogwipo hielt der Bus an den wenigen, aber sehr bombastischen und schön angelegten Touristenbunkern. Hier gibt es auch den einzigen vernünftigen Strand. Eigentlich wollte ich hier aussteigen, aber mir kam die Gegend dann doch etwas zu luxuriös aus. Also fuhr ich bis Seogwipo weiter. In diesem kleinen Ort steckt Urlaubsflair. Der Blick zum Hafen und zum kleinen Waldgebiet ist schon beeindruckend. Zunächst wanderte ich durch fast menschenleere parkähnliche Gelände - in brütender Hitze - um einen bekannten Wasserfall zu finden. Am Ort, an dem man ihn hätte sehen müssen, war aber nur ein Zaun. Das verstand ich zunächst nicht, also kehrte ich um und suchte mal wieder nach einem Fernseher. Anders als in Japan war es aber hier einfacher. In jedem kleinen Restaurant stand einer.

Wasserfälle und Fanfeste

Höchster Berg der Insel

Höchster Berg der Insel

Aber ich konnte mich zu keinem recht entscheiden. Da ich ohnehin noch etwas Zeit hatte, ging ich zum Hafen runter. Und da war dann tatsächlich ein Eingang zum Weg zum Wasserfall. Jetzt verstand ich auch de Zaun am Hang: der Weg war nämlich kostenpflichtig. Aber es handelte sich nur um eine Kleinigkeit, so dass ich den wirklich netten Weg ging: hier ein kleiner Bach, dort eine Muschel für Veranstaltungen, Bäume, Abhänge, Blumen und am Ende der Wasserfall. Gut, ich habe schon größere gesehen, aber die Umgebung war 'die Reise' wert. Ich verweilte noch etwas an dem Ort, bevor ich dann zum Hafen zurückging. Dort war ein großer Fan-Platz aufgebaut. Abends spielten Bands auf einer großen Bühne. Aber jetzt stand erst mal Japan gegen Tunesien auf dem Spielplan. In einem großen Zelt standen rund 10 Riesen-Fernseher (die auch gleichzeitig als Werbung für sich selbst gedacht waren). Auf dem Boden gesellten sich dann rund 100 Zuschauer, darunter auch eine Handvoll Japaner.

Japan erreichte das Achtelfinale. Belgien folgte, wie man durch Zwischeneinblendungen sehen konnte. Anschließend marschierte ich noch etwas über die Marktstraßen der kleinen Stadt. Mit dem Bus ging es dann wieder zurück nach Cheju City. Heute Abend spielte Südkorea. Man merkte die leichte Anspannung bei der Bevölkerung. Je näher der Anpfifftermin rückte desto leerer wurden die Straßen. Ich schwankte noch, wo ich das Spiel sehen sollte. Leider gab es keine Großbildleinwand wie in Seoul (wo mehrere Millionen Zuschauer am Stadion und an der City Hall standen). Auf dem Weg durch die Einkaufsstraßen fiel mir dann eine kultige Szenerie auf. Ein Mini-LKW-Fahrer hielt vor einem Elektrogeschäft, wo der Inhaber ein großes TV-Gerät Richtung Straße stellte und Lautsprecher draußen anbrachte. Er baute das Verdeck ab und bot allen Leuten, die gerade vorbeikamen, einen Platz auf dem Laster an. Ich gesellte mich auch dazu. 
Einige kamen mit Klappsitzen hinzu, so dass am Ende rund 70 Leute vor dem Geschäft standen oder saßen und die bereits sehr bekannten Korea-Songs sangen.

König Fußball

König Fußball

Ab und zu hielt dann auch mal ein armer Taxifahrer, der tatsächlich noch Gäste hatte (natürlich keine Koreaner). Ansonsten war die Straße leer. Alle Geschäfte hatten zwar noch auf, aber überall sahen die Verkäufer nur das Spiel. Es war eine tolle Stimmung, die durch den unglaublichen Koreasieg gegen Portugal noch erhöht wurde. Nach dem Spiel brach die Stadt in ein Chaos aus. Die Menschen rannten aus den Häusern, ein Autokorso nach dem anderen und der reinste Jubel.
Was ist nur aus den Koreanern geworden, die ich bei meinem ersten Besuch vor zwei Wochen vorfand? Gefeiert wurde sonst nur zu Hause, jetzt spielte sich das Leben draußen ab.
Wieder mal genoss ich die Atmosphäre, als ich langsam zum Hotel schlenderte. Auf dem Weg sprachen mich noch zwei Studentinnen an.

Olli "King" Kahn

Olli "King" Kahn

Sie sprachen wesentlich besser englisch als andere, was aber zum einen immer noch recht dürftig war, sich aber andererseits dadurch erklärte, dass sie Englisch auf Lehramt oder so studierten. Wir tauschten einige private Fakten aus, bis sie dann (leider) ihre Wohnungen erreichten. Zu erwähnen bliebe noch das Gespräch mit zwei Südafrikanern, die noch sehr betrübt über das Ausscheiden ihres Teams waren. Als ich ihnen sagte, dass sie trotzdem toll gespielt hätten, bestätigten sie das erfreut und schwelgten in ihrer Mannschaft. Zudem meinten sie, dass Deutschland nun eine gute Chance auf das Finale hätte. Erstaunlich fand ich es, dass sie versuchten, zwischendurch immer mal wieder ein deutsches Wort fallen zu lassen.
Das Gehupe und Jubelschreie gingen die ganze Nacht durch (schätzungsweise bis 6 Uhr, da ich gegen halb 6 mal kurz aufwachte und immer noch etwas hörte).

Deutschland im Achtelfinale

Paraguay meets Germany

Paraguay meets Germany

Heute sollte nun der große Tag des deutschen Teams kommen: Einzug ins Viertelfinale. Daran hatte vorher praktisch niemand geglaubt (außer mir natürlich). Vorher musste ich allerdings umziehen. Für die zweite Nacht auf Cheju hatte ich nämlich vorher ein anderes Hotel buchen müssen. Es befand sich nur ein paar Häuserblöcke weiter. Also ging ich zu Fuß dorthin. Eigentlich war erst um 12 Uhr Log-In-Zeit. Aber man kann es ja trotzdem mal versuchen.
Die Sache gestaltet sich schwieriger als gedacht. Es hieß Park Hotel, aber ich sah keines. Es hätte aber an einer bestimmten Ecke (laut Internet-Plan) stehen müssen. Da stand aber nur eines mit einer koreanischen Beschriftung. Ich konnte aber wenigstens so viel Schriftzeichen, dass ich wusste, dass es nicht 'Park' heißen konnte. Mir blieb nichts anderes übrig als hineinzugehen und nachzufragen. Ich erfuhr, dass das Hotel mehrere Namen hätte (je nach Touristenart), u.a. Park für Westeuropäer. Kluges Marketing!

Crailsheim for Bundesliga

Crailsheim for Bundesliga

Ich durfte auch sofort in mein Zimmer. Das ersparte mir den geplanten Gepäck-Spaziergang durch die Stadt. So warf ich überflüssiges Zeug ab und ging in einen Park. Der wird hauptsächlich zum Joggen, Muskeltraining usw. genutzt. Überall stehen Sportgeräte. Seit ich meinen letzten Yen in Japan mit einem leckerem Eiskaffee ausgegeben habe, konnte ich keinen Kaffee mehr trinken. In Korea gibt es ihn nicht so häufig. Aber hier konnte ich mal wieder einen trinken. Im Schatten einer alten Ausstellungs-Lok machte ich Pause. Dabei sprach mich eine ältere Frau an, die mir erst mal Obst und ein Brot anbot. Sie sprach von ihrem Sohn, der in den USA lebt. Deshalb könne sie auch ganz gut englisch. Ihr Mann hingegen warf mir nur koreanische Sätze zu. Die Frau übersetzte brav. Etwas später gesellte sich ein weiterer Mann hinzu, den die beiden von ihren täglichen Sportübungen kennen. Er stellte sich als koreanischer Tennisspieler vor, der auch an den olympischen Spielen 1988 in Seoul teilnahm.

Ich hätte mich gerne weiter unterhalten, aber ich musste wieder zurück zum Hotel. Denn ich durfte mit dem Medien Shuttle-Bus zum Stadion fahren. Der war normalerweise nur für Journalisten gedacht. Vielleicht nahm man an der Rezeption an, dass ich auch von der Presse wäre, weil ich mein KCW-Shirt trug. Vor der Reise zog ich mich aber noch um, da ich das Pauli-Shirt passender fand. Prompt wurde ich auch beim Einsteigen von zwei Zeitungsfritzen aus Südwestdeutschland angesprochen: 'Die lassen hier auch jeden rein, sogar Absteiger'. Von ihnen erfuhr ich auf der Fahrt einige Hintergrundinfos über Pressekonferenzen, frühere Reisen usw. Sie beklagten sich, dass sie noch keine Zeit hatten, etwas vom Land zu sehen.
Ganz hinten im Bus saß Fritz von Thurn und Taxis, der für Premiere das Spiel moderierte. Und vor mir wusste ein deutscher VfB Stuttgart-Fan gar nicht, wie er überhaupt in diesen Bus gekommen sei.

Stadion von Seogwipo

Stadion von Seogwipo

Wir plauderten über die deutsche Fankultur. Dabei war er ganz schön sauer auf die Leute, die sich nicht die Mühe machten, nach Asien zu fahren. Ärmere Länder wie Mexiko oder Brasilien haben wesentlich mehr Fans im Lande als wir. Und gegen Irland war es ein reines Auswärtsspiel für Deutschland. 'Die Deutschen haben die WM 2006 überhaupt nicht verdient. Da will dann jeder hin (sogar die, die noch nie ein Stadion von innen gesehen haben), aber hier seien nur ein paar hundert Leute.' Er hat nicht ganz unrecht.
Das Stadion liegt mitten im Grün, landschaftlich herrlich. Bei tollem Wetter trafen wir noch einige kultige Fans aus Sachsen, bevor ich mir etwas zum Essen suchte.

Selten habe ich ein solch schönes Stadion gesehen. Schade war aber, dass es halbleer war. Aus Paraguay gab es noch weniger Fans als die vielleicht noch 50 Deutschen, die aus der Vorrunde übriggeblieben sind.

Marktstrasse auf Cheju

Marktstrasse auf Cheju

Neben mir saß mal wieder der Schwabe vom Irland-Spiel. Er schwenkte seine große Fahne und meinte, man hätte ihn letztes Mal 5 Sekunden im ZDF-Sportstudio gesehen.
Im weiteren Verlauf äußerte er treffend: 'Jetzt müsste nur noch eine Frau mit Kaffee und Kuchen kommen - dann wäre es richtig schön gemütlich.' Richtig, die Atmosphäre erinnerte eher an ein Regionalligaspiel oder an Kaffeekränzchen. Als dann das Spiel auch nur so dahinplätscherte meinte mein Nachbar: 'vorhin war es wenigstens noch Regionalliga - jetzt ist es Kreisklasse'.
Ich fand es trotzdem super. Das lag auch an der großen Masse von Schülerinnen, die man kostenlos in das Stadion ließ (um es wenigstens einigermaßen zu füllen). Als das Video von Love United lief und David Beckham und Zidane erschein gab es ein kollektives Gekreische. Als ich meine Kamera auf sie hielt, verstummte es aber ganz schnell wieder. Dann ging ich dazu über, ihnen meinen Deutschland-Schal zu zeigen, damit sie wussten, welches Wort sie rufen mussten.
Fortan hatten wir zahlreiche Unterstützung. Die Koreaner waren aber ohnehin für alles zu begeistern. Olli Kahn durfte seinen Geburtstag mit einem Sieg feiern. Er schmiss seine Handschuhe anschließend in die Menge und ich fuhr mit dem Medien-Bus wieder zum Hotel. Der VfB-Fan von der Hinreise hatte in der Zwischenzeit wohl etwas zu viel getrunken. Nachdem er mich ganz entgeistert ansah, als ich ihm ein 'souveräner Sieg' zurief, schlief er noch an der Haltestelle fast ein.
Im Norden der Insel sah ich dann noch in einem Restaurant die furchtbare Niederlage der Dänen gegen England. Frustriert ging ich zum Hotel und schlief ein.

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