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Südkorea Teil 4: Suwon und Daejon

Red Devils

Red Devils

Bericht von einer dreiwöchigen Reise zur Fußball-WM im Mai/Juni 2002

Korea im Ausnahmezustand

Irischer Fan

Irischer Fan

Am nächsten Morgen flog ich dann wieder in meine alte Heimat Seoul zurück. Das Hotelpersonal kannte mich mittlerweile schon, schließlich war ich Stammgast.
Ich musste aber gleich weiter, denn ich wollte ja noch eine Karte für Irland gegen Spanien.   
Frohen Mutes fuhr ich mit der U-Bahn nach Suwon (etwa eine Stunde südlich). Die Iren waren schon zuhauf vor Ort und eroberten das kleine Städtchen. Ein kurzer Blick zur Burg, dann aber schnurstracks in die Stadtmitte: Restaurant suchen zum Essen und Schweden gegen Senegal gucken.

Spanier

Spanier

Es war so eine Art koreanisches McDonalds mit 4 Fernsehern. Hier merkte man, dass die Begeisterung für den Fußball in der Bevölkerung sich doch eher auf das Korea-Team bezog.

Verwundert amüsierten sie sich über meine Gefühlsausbrüche. Die zweite Halbzeit verfolgte ich dann wieder am Bahnhof, wo weitaus mehr Zuschauer vorwiegend Senegal den Daumen hielten (darunter zahlreiche Iren). Sie gewannen dann auch überraschend in der Verlängerung. Dadurch hatte ich allerdings einen Zeitverzug. Würde ich noch eine Karte bekommen?

Interessierte Koreaner

Interessierte Koreaner

Vor dem Stadion erfuhr ich: das Spiel ist ausverkauft. Aber es gab noch einige Personen, die ihr Ticket loswerden wollten (zum Normalpreis!).     
Leider gab es keine Karte mehr für die 100$-Kategorie, so dass ich 60$ mehr aufbringen musste. Soviel Won hatte ich nicht mehr. Also überredete ich einem Verkäufer, doch einen Teil in Euro anzunehmen. Er vertraute mir, dass der Gegenwert ähnlich dem Dollar sei. Ehrlicherweise packte ich noch 10 Euro drauf.

Iren trotz Niederlage ganz groß

Feuerwerk

Feuerwerk

Nun konnte ich endlich die Gesänge der Iren und dem "Viva Espana" genießen. Im Stadion war die Dominanz der Iren nicht zu übersehen. Es war einfach herrlich. Ich saß diesmal in einem Block der Koreaner. Nach gemeinsamen Fotos schenkte mir ein Junge einen Trockenfisch. Das gab es da als Pausensnacks. Das war sehr lieb gemeint, aber sehr viel bekam ich davon nicht runter. Zum Ausgleich wurde ich von meiner linken Nachbarin mit Mandeln (oder so etwas ähnlichem) versorgt. Nach dem Spiel brachte mein rechter Nachbar meinen Müll nach draußen (hätte ich auch noch gemacht, aber ich wollte noch etwas die Szenerie genießen.

Geisterspiel in Jeonju

Nachts in Seoul

Nachts in Seoul

Ich kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Spanien gewann und die Iren taten mir furchtbar leid. Aber die feierten weiter. Das taten sie auch noch als wir um 2 Uhr nachts in Soul ankamen. Auf dem Weg zum Hotel wunderte ich mich dann, dass auf dem Markt noch mordsmäßig gehandelt wird und mehr los war als am Tag.

Blaskapelle

Blaskapelle

Für den nächsten Tag werden mich viele für bekloppt halten: es ging mit der Bahn drei Stunden lang nach Jeonju, ich sah für 225$ das Spiel USA-Mexiko und fuhr anschließend die Strecke im Stehen zurück (weil alle Plätze ausgebucht waren), um gegen 1 Uhr nachts in Seoul zurück zu sein. Aber vorher konnte ich ja nicht ahnen, wer im Achtelfinale spielt (nach meiner Rechnung hätte es Italien gegen Korea oder Portugal sein müssen). Es gab sehr viele Leute, die ihre Karten los werden wollten. Dabei war die Stimmung gar nicht übel. Die Mexikaner sangen wieder und die Amis überraschten mit vielen schönen Kostümen.

US-Amerika

US-Amerika

Auf meiner Stadionseite waren sehr viele leere Plätze. Also setzte ich mich mittig, genau neben die Journalistenplätze. Der Blick war dementsprechend optimal. Wie fast alle Nachmittagsspiele plätscherte das Match eher dahin. Es war einfach zu heiß. Die US-Amerikaner gewannen, was wohl nur selber gut fanden. Da sie aber zu den Außenseitern zählten, freute ich mich dennoch für sie und warf einem farbigem Fan einen hochgestreckten Daumen zu, was er grinsend annahm.

Weitere USA-Fans

Weitere USA-Fans

Anschließend gab es lange Schlangen vor den Bussen. Zum Glück stand ein großes Idol vor mir: ein Eddie Murphy-Verschnitt, der sich gar nicht mehr einkriegte. Er sagte seiner Freundin immer wieder, dass alle Buchmacher den Amis keine Chance gegeben hätten. Die Mexikaner schienen gar nicht so traurig zu sein. Sie beglückwünschten die Amerikaner anständig und feierten einfach mit ihnen. Einfach sagenhaft.

EXPO-Gelände in Daejeon

EXPO-Gelände in Daejeon

Die Rückfahrt erfolgte - wie gesagt - im Stehen. Ab und zu setzte ich mich aber in den Zwischengang, vor allem ab 20:30. Denn in Korea konnte ich auf meinem Mini-TV Fußball sehen. Und es spielte Brasilien gegen Belgien. Die Bildqualität war zumindest so, dass ich die Tore erkennen konnte. Diese teilte ich auch den ständig nachfragenden Koreanern mit. Vor allem war aber ein Japaner neugierig. Er verkürzte mir die restliche Zeit, in dem er über das Verhältnis zwischen Japan und Korea sprach (das mir im Übrigen gar nicht so gespannt vorkam wie es in unseren Medien immer dargestellt wird). Er schwelgte sehr in japanischen Spielern. Aber sein großer Held heißt Romeo.
Völlig ermüdet fiel ich in der Nacht in mein Bett.
Sieben Live-Spiele an acht Tagen - der Marathon ging heute leider zu Ende. Aber es stand das größte Highlight meiner Reise an: Südkorea gegen Italien.

Be the reds

Be the Reds

Be the Reds

Zu diesem Anlass hatte ich mir extra das 'To be Reds' - T-Shirt gekauft. Ob Banker oder Putzfrau - praktisch jeder Koreaner rannte mit diesem T-Shirt herum. Es war Wahnsinn! Und es war beeindruckend, als ich mich auch damit blicken ließ. Plötzlich sah mich jeder an und freute sich: ein Ausländer feuert Südkorea an. Das wirkte anscheinend wie ein Kulturschock. Ich glaube, so muss sich eine schöne Frau fühlen, die ständig von Männern angeguckt wird. Ich schwankte zwischen unangenehmen Gefühlen und Wohlgefallen. Ich war ein Held.
Deshalb musste ich noch ein paar Euro umtauschen. Endlich entdeckte ich eine Bank, die Euro akzeptiert. Für einen 50 Euro-Schein benötigte der Kollege geschlagene 15 Minuten, bevor ich Won sah. Er studierte zunächst meinen Reisepaß, füllte dann zahlreiche Formulare aus, blätterte in irgendwelchen Büchern, übertrug das Formular in einen PC, suchte dann wieder Fremdwörter in den Büchern, löschte wieder alles, fragte dann seinen Kollegen (half aber nichts).

Stadion in Daejeon

Stadion in Daejeon

Hauptsache ich bekam irgendwann mein Geld. Und die Übergabe erfolgte sehr freundlich.
Noch einmal ging es nach Daejeon. Diesmal kaufte ich bereits eine Platzkarte für den letzten Zug. Da es noch früh am Tag war, fuhr ich mit einem Bus zum ehemaligen EXPO-Gelände der Stadt. Einige Hallen standen dort noch. In ihnen wurden noch einige Exponate zur Erinnerung an die Weltausstellung gezeigt. Dazu gab es 3D- und IMAX-Filme. Besonders die ergreifenden Luftbilder aus den amerikanischen Nationalparks im Film waren sehenswert. Die virtuelle Weltraum-Fahrt (die ich schon aus anderen Parks kannte) war mal wieder viel zu kurz. Im Übrigen war das Gelände fast menschenleer. Nur einzelne Touris und Koreaner wanderten umher. Leicht verwirrt nahm ich die Hintergrundmusik des Tages wahr, die durch alle Lautsprecher zu hören war: bayerische Volksmusik. Aber es hatte irgendwie Flair.

Korea flippt aus

Korea flippt aus

Nach drei Stunden ging es zurück zum Bahnhof, um das Ausscheiden der Japaner gegen die Türkei zu erleben. Viele anwesende Japaner waren enttäuscht, obwohl sie lauthals und mit Begeisterung ihr Team unterstützten.
In der Halbzeitpause sah ich auf den Straßen bereits ein Meer in Rot: es wurden Leinwände aufgebaut und mit lauter Musik wurde bereits auf das Großereignis des Tages hingewiesen. Überall wehten koreanische Fahnen.
Mit dem Bus ging es wieder zum Stadion. Und erstmals war das Stadion schon zwei Stunden vor Beginn randvoll. Diesmal hatten die Ordner erst gar nicht versucht, die Zuschauer zum Hinsetzen zu bewegen. Jeder Koreaner stand während der ganzen Veranstaltung durch und wirklich jeder klatschte und sang die zwar wenigen, aber nonstop zu hörenden Songs wie 'Daehan minguk' und 'Oh, pilseung Korea' mit.

Koreaner im Freudestaumel

Koreaner im Freudestaumel

Direkt vor mir standen zwei einsame Italiener, die mühevoll versuchten, weitere Landsleute im Stadion zu finden. Zehn weitere fanden sie dann auch im weiten Rund. Sie hatten auch zunächst Grund zur Freude. Als ich die Hoffnung schon fast aufgegeben hatte, schaffte Korea kurz vor Schluss den Ausgleich und in der Verlängerung das Golden Goal.
Ein 'echter' Koreaner drückte mich vor Freude, die Menschen schrieen vor Begeisterung und konnten ihr Glück kaum fassen. Neben mir stand ein Kanadier, der (im positiven Sinne) völlig geschockt schien, weil er so etwas noch nie erlebt hätte (wie er sagte).
Auch für mich das das Spiel eines der schönsten Fußballmomente meines Lebens. Ein perfekter Abschluss einer wundervollen Reise. Anschließend gab es noch ein Feuerwerk und das Publikum stand noch eine ganze Weile, um ihr Team zu feiern.

Jubelschreie

Jubelschreie

Hinterher gab es leider erneut das übliche Bus-Chaos von Daejeon. Diesmal hatten sie zwar Schilder in englisch aufgestellt, aber trotz kilometerlanger Schlange kam kein Bus Richtung Hauptbahnhof.
Also nahm ich wieder einen Linienbus, der aber mehrere Umwege fuhr. Dazu kam, dass auf den Strassen alles stockte. Schließlich wurde überall, auch auf Autos, gefeiert. Gehupt wurde im 'Daehan minguk' - Rhythmus. Ich rechnete damit, den letzten Zug nach Seoul nicht mehr zu erwischen, freute mich dafür auf eine ausgelassene Party-Nacht. Aber ich durfte mit meiner Fahrkarte dann doch noch einen (kaum zu glauben) Sonderzug benutzen, der noch anschließend fuhr. Allerdings musste ich stehen, aber das war egal.
In Seoul waren dann auch noch Feiern auf den Straßen zu Gange.

Feuerwerk

Feuerwerk

Leider war nun die Reise zu Ende. Ich fuhr zum Flughafen. Dort wurde natürlich auf den Fernsehern die Höhepunkte der gestrigen Partie gezeigt, vor denen sich massenhaft Fluggäste versammelten und noch nachträglich jubelten.
Der Rückflug am Tag war angenehmer und verging subjektiv schneller - vermutlich auch dank eines netten Films. Gegen Mitternacht kam ich dann in Hamburg an.
Zurück blieben schöne Erinnerungen. Auch wenn nicht immer alles perfekt lief, hat insgesamt gesehen alles doch viel besser geklappt als erwartet. Ich habe viele nette Menschen kennen gelernt und die bislang interessanteste WM aller Zeiten miterlebt.
Vielen Dank an Korea und Japan für diese Zeit.

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